Musterung
24. Februar 2021

Rosemarie Trockel

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In den späten 1980er Jahren stellte Rosemarie Trockel Strickbilder aus Wolle aus. Ihre damaligen Werke, ein Mix aus »ironischen Stücken gezähmter Weiblichkeit und häuslichen Fleißes«, haben breiten Einfluss auf jüngere Künstlergenerationen ausgeübt. »Schöpfung« ist für Trockel auch »Ausschöpfung« und ein gesponnenes Geflecht aus popkulturellen Referenzen.

Ausstellungsansicht: Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst, 2020. Foto: Frank Krüger; courtesy: Kunstsammlungen Chemnitz


Rosemarie Trockel

geb. 1952, Schwerte, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin

Rosemarie Trockel zählt zu den international führenden Konzept-Künstlerinnen, die mit unermüdlicher Experimentierfreude in verschiedenen Medien – der Zeichnung, der Skulptur, der Installation, Video und der Fotografie – arbeitet. Im Jahr 1985 erregte sie Aufsehen mit ihren Strickbildern aus Wolle, die 1988 im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurden. Mit »ironischen Stücken gezähmter Weiblichkeit und häuslichen Fleißes« begeisterte sie damals ein internationales Publikum. Kritisch befragte sie von Beginn an stereotype Geschlechterrollen und ist darin für viele jüngere Künstler:innen bis heute ein wichtiges Vorbild.
Statt selber zu stricken, ließ sie die großen Wollstücke maschinell erstellen. Sie spannte die Strickgewebe auf großformatige Tafeln. Zunächst zeigten ihre Strickbilder einfache dekorative Muster, wie Streifen und Karo. Später verwendete Trockel bekannte Produktzeichen, wie das Wollsiegel-Signet oder die Playboy-Bunnies. Aber auch politisch vorbelastete Symbole wie das Hammer-und-Sichel-Zeichen oder Hakenkreuz-Friese erhielten Einzug in Trockels Repertoire. Die Stricktechnik nutzte Trockel auch für eine ganze Reihe weiterer Arbeiten mit objekthaftem Charakter wie Mobiles, endlos lange Strümpfe oder ungewöhnliche Pullover, die sie von Modellen aus ihrem Freundeskreis vorführen ließ.
Da einige frühe Objekte heute nicht mehr existieren, ist die Fotografie ein wichtiges Mittel der Re-Lektüre eigener Arbeiten. Für die Ausstellung in Chemnitz schlug die Künstlerin einen Abzug der Fotografie Palmistry vor; übersetzt: Chiromantie (Handlesekunst). Verschmitzt reibt sich der Portraitierte, der einen von Trockel gestalteten Herrenpullover (mit entsprechendem Muster) trägt, die Hände.
Assoziationen an Rastermützen, Sonnensymbole und Soulmusik provoziert der kleine farbige Kopf, der von einer gestrickten Sonnenform umkränzt ist. Sun of a preacher man heißt die Arbeit; eine Anspielung an den berühmten und meisterhaft von Aretha Franklin interpretierten Song Son of a Preacher Man. Ist hier Ironie im Spiel? Oder doch eine an Totenmasken erinnernde Hommage? Modell und Interpretation, Muster und Wiederholung liegen nah beieinander, manchmal aber auch knapp daneben. Was zählt, ist das, was sich in die Erinnerung eingebrannt hat.

Sun of a preacher man, 1987 Gips, Farbe, Wolle, 36 x 30 x 16 cm, Privatsammlung Berlin

Palmistry, 1987/2020, Digitaldruck, 50 x 42 cm, Rahmen ca. 51 x 43 cm, Privatsammlung Berlin