Musterung
24. Februar 2021

Laure Prouvost

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Laure Prouvost kreiert intermediale Installatio-nen, die sich zwischen Fiktion und Realität bewegen. Ob Film, Video, Sound, Skulptur oder Malerei, stets erzählen ihre Werke ausdrucksstarke Geschichten. Anders als ihren »gesprächigen« Video-Metallskulpturen, haftet ihren Wandteppichen eine eher mediative Ruhe an. Doch auch hier gelingt es, das Verhältnis von Bild, Sprache und Betrachter:innen dezidiert
zu zerlegen.

Swallow me, From Flanders to Italy, 2019, Teppich und zwei integrierte TV-Screens, Filmdatei, 200 x 460 cm, courtesy: Carlier | Gebauer, Ausstellungsansicht: Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst, 2020. Foto: Frank Krüger; courtesy: Kunstsammlungen Chemnitz

Laure Prouvost

geb. 1978, Croix, Lille, Frankreich, lebt und arbeitet in London, UK

Ein Wandelgang durch einen schönen Park. Ein kühles Fußbad in einem Brunnen. Der Wunsch nach paradiesischen Zuständen, nach Liebe und Frieden und Glückseligkeit, trifft in der Kunst von Laure Prouvost auf vollstes Verständnis. Bloß bekommt man das alles nicht, ohne zugleich mit dem Zustand der echten Welt konfrontiert zu werden. Da müssten die Besucher:innen ja wieder hinausgehen und das Draußen nach dem Vorbild der Kunst etwas besser machen.
Der Bildteppich führt durch eine imaginäre Reise von Flandern nach Italien und spielt auf die Tradition der Gobelins an, die mit pittoresken Landschaftsdarstellungen das Interieur schmückten. In großem Querformat eröffnet sich ein Panorama, das nicht mehr zwischen Innen- und Außenräumen, Landschaft und Behausung unterscheiden lässt. Verschiedene motivische und räumliche Perspektiven, ebenso Körperfragmente und Bildzitate sind miteinander verwoben. In der pulsierend lebendig wirkenden Bildmontage sind zahlreiche Körperempfindungen wie Wärme, Feuchtigkeit, Zärtlichkeit, Hunger, Lust und Begehren einbezogen. Der Titel verweist auch auf das Thema des »sich Einverleibens«.
Laure Prouvost bezieht in ihrer Kunst gerne die Umgebung mit ein, indem ihre Objektkonstellationen auf ganz spezielle Weise in diese übergehen. So entsteht meist ein immersives Ambiente. Der Teppich entstand 2019, dem Jahr, in dem sie den französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu einem wild wuchernden, imaginativen Unterwasserort verwandelte. Ihr Thema war die Reise durch das Innere Europas. In ihren oft wortspielerischen und sprachgewandten Videoarbeiten erzählt Laure Prouvost voneinander unabhängige Geschichten, die in einen Dialog der Bilder miteinander treten, sich in Frage stellen, ins Absurde führen oder zur Realitätsflucht einladen. Hier überrascht die Verbindung von Videobildern und Teppichmotiven. In dieser Arbeit bleibt es stiller. Als könne sie hier ganz auf die inneren Ohren der Betrachter:innen vertrauen.

Vergleichsabbildung (nicht in der Ausstellung): Laure Prouvost: Swallow me, From Italy to Flander, Wandteppich, 2015