Musterung
13. Mai 2021

Heidi Specker

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Niedlichkeit hat Konjunktur in Alltag, Popkultur und Kunst. Das T-Shirt ist beliebter Ausdrucksträger von Statements und Popästhetik. Die Katze ist als Inbegriff von »cuteness« eines der meist geteilten Motive in den sozialen Medien. Diese Welt im Bild kann eine optische Täuschung sein, die man auch mit diesem Portrait von Heidi Specker einer genaueren Musterung unterziehen sollte.

Heidi Specker

geb. 1962, Damme, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland

Niedlichkeit hat Konjunktur in Alltag, Popkultur und Kunst. Die Katze als Inbegriff für »cuteness« ist eines der meist geteilten Motive in den sozialen Medien. Die rasante Entwicklung der Verbreitung solcher Bilder hat bisweilen recht verzerrte Vorstellungen des Tierportraits und des damit verbundenen Selbstbildes mit sich gebracht. Für ihre Fotoserie IN FRONT OF, zu der die Arbeit Katze gehört, zog sich Heidi Specker aus ihrem bisherigen urbanen Untersuchungsumfeld zurück und arbeitete im Atelier. Hier erkundete sie in einer Art Laborsituation die Möglichkeiten, auf welch unterschiedliche Weise man Menschen fotografieren kann. Mit diesem Verfahren versucht die Künstlerin die Ausgangssituation, die seit der Entstehung der Fotografie von Repräsentation und Selbstdarstellung geprägt ist, zu brechen.
Die Fotografie gilt als verlässliche Dokumentation des Sichtbaren. Sie ist in der Lage, grundlegende Erkenntnisse über die Wirklichkeit zu vermitteln. Zugleich ist ihr inhärent, wie sie die Welt in Bildern konstruieren kann. Sie kann aber auch Versprechungen machen oder hinters Licht führen. Specker sind diffuse Seh- und Störgeräusche im Ausstellungsnarrativ sehr willkommen: »Es gibt Bilder, die sind dazu da, das Gezeigte nicht zu bestätigen, sondern in Frage zu stellen: Was sehe ich hier eigentlich? Was soll das hier?« fragt sie. Unmerklich schließt Specker ihre Porträtfotografie so aber auch mit den historischen Anfängen des Genres kurz, denn Requisiten, Interieurs und Accessoires waren in historischen Porträtstudios selbstverständlich. Heute ist vor allem das T-Shirt Ausdrucksträger von Statements und Popästhetik. »Die Katze ist auf ein T-Shirt gedruckt. Das Model mit diesem T-Shirt trägt eine blaue Perücke. Hört sich einfach an, ist aber mit dem Auge kaum zu begreifen.«
Eine optische Täuschung, die mich auch immer wieder blendet. Ich habe mich selbst überholt und so ist es mir passiert, dass ich, als ich die Arbeit das erste Mal an der Wand hängen sah, überprüft habe, ob ich mich in den Pupillen der Katze sehen kann. Natürlich nicht, ist ja ein T-Shirt. Musste über mich selbst lachen.« (Heidi Specker)

Katze, 2016, aus der Serie: »In Front of«, Fotografie auf Archival Fine Art Print, 69 x 104 cm