Musterung
13. Mai 2021

Die Tödliche Doris

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»Doris war ein Popstar ohne Körper. Ihre Präsenz bewies sie durch permanente Abwesenheit. Bedingt durch ihre Körperlosigkeit, fehlten ihr Charakter, Persönlichkeit, Identität und Stil. Für Doris selbst war das kein Problem. Denn über die Vorstellungen, die andere Menschen von ihr entwickelten, bildeten sich diese Eigenschaften und damit auch ihr Körper allmählich wie von selbst.« (W. Mueller, Mitbegründer der ehemaligen West-Berliner Künstlergruppe)

Ausstellungsansicht: Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst, 2020. Foto: Frank Krüger; courtesy: Kunstsammlungen Chemnitz


Die Tödliche Doris

Genderthemen tauchten oft auf in den Arbeiten und performativen Aktionen der Künstlergruppe Die Tödliche Doris. Diese Sesselgruppe besteht aus ausrangierten Bühnenkostümen der Performance Noch 14 Vorstellungen. Teil dieser Inszenierung waren die von Tabea Blumenschein (1952 – 2020) entworfenen und bearbeiteten roten und gelben Kleider vom Kleidermarkt am Maybachufer, in denen Nikolaus Utermöhlen, Wolfgang Müller, Käthe Kruse und Tabea Blumenschein auftraten. »Wenn die Band das Lied Farbenprächtige Kostüme sang, trugen die weiblichen Mitglieder gelbe Kleider, die männlichen Musiker rote Hemden. Nach Ende des Stücks zogen die beiden Männer die Hosen aus, sodass das Publikum sah, dass
die roten Hemden in die Hosen gestopfte Frauenkleider waren« (Wolfgang Müller). Wo das vierte der Kleider verblieben ist, zeigt ein trashiges Video. »Die Kamera irrt um einen Block, unseren Blick nimmt sie mit, wir sind 1987 irgendwo in New York City. Als die Kamera an einer Straßenecke eine junge Frau in einem gelben Kleid entdeckt, kommt sie zum Stehen und verliert sich in der gelben Textur. Das Kleid verbleibt bei der mysteriösen jungen Frau in New York, während die anderen drei Kleider ab 1991 als Sesselgruppe Kleid wiederauftauchen.
Der Film hat den Titel Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort. Der Titel ist verwirrend, denn welches sollte dieser andere Ort schon sein? Gemeint ist eine Anspielung auf die unsichtbare LP Nr. 5 der Tödlichen Doris, die nur durch Gleichzeitigkeit des Abspielens der Alben sechs und Unser Debut existiert. Der Track Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort vom Album sechs korrespondiert musikalisch, textlich und sekundengleich mit dem Track Noch 14 Vorstellungen vom entsprechenden Album Unser Debut. Nun das klingt ganz schön kompliziert. Der Super-8-Film ist während eines Aufenthaltes der Tödlichen Doris in New York entstanden. Eingeladen war die Gruppe damals vom Museum of Modern Art. Übrigens: 1991 hat sich Die Tödliche Doris längst (schon) in Weißwein aufgelöst. Die Kleider verharren in Wartestellung.

Ausstellungsansicht: Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst, 2020. Foto: Frank Krüger; courtesy: Kunssammlungen Chemnitz
Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort, Video, 9 Min., 1987
Die Tödliche Doris 1987 in New York, Videostills